Die Welt der Spirituosen
Für manchen Betrachter hat dieser Titel keinerlei Sinnigkeit, für manchen ist er halt kurz und prägnant, wiederum für mancheinen steckt in diesem kurzen Satz mindestens ein ganzes Leben…
Meine Wenigkeit zählt sich zu Typus Nr. 3. Aufgewachsen mit einer elterlichen, recht kräuterlastigen Kellerbar, welche relativ frühzeitig genauestens von mir inspiziert wurde, zusätzlich ausgestattet mit liebevollen Großeltern, die in einer Selbstverständlichkeit, während ihre frischen Früchte auf dem Herd zu Marmelade verkochten, mal eben den Weinballon und einige “RiverOrange” Flaschen mit ebensolchen Gartenfrüchten, ausgewählten Zuckern und dem guten alten Doppelkorn und auch zur passenden Frucht einen frechen Überseerum hinzufügten, um das ganze teilweise bis heute in den Tiefen der Kellerregale verschwinden zu lassen.
Wenn ich heutzutage mit einem fetten Grinsen erwähne, dass ich mich von Flaschen umgeben äußerst wohl fühle, dann hat diese Aussage nichts mit einem gewissen Typ Mensch zu tun, und ebenso wenig mit einem Alkoholproblem (die Fürsorgepflicht des Barmannes gilt auch schließlich für die eigene Person!!)
Aber wie komme ich ausgerechnet auf die titulierte Phrase: “Die Welt der Spirituosen”? Hinter mir liegt eine sehr, wenn nicht sogar die interessanteste Woche des bisherigen Jahres aus beruflicher Sicht. Als Bartender, Barmeister, Gastronom, Mixologe oder wie auch immer man meinen Beruf schimpfen mag, muss ich eingestehen, dass mein erforderliches Arbeitsmaterial, anders als z.B. Stahl, Kohle, PC Software oder Holz, mich in meinem Privatleben genauso fesselt, wie aus eben genannter beruflicher Sicht. Hier ergeben sich gerade zwei Lebensbereiche:
- Auf der privaten Seite genieße ich liebend gerne mal ein Dram, mal einen Rum oder gerne auch Rhum, Weindestillate, aber auch gerne dessen Ursprung wie Wein und Bier – also eigentlich eine gesunde, mittelständische Trinkgewohnheit. Da ich aber im Biounterricht bei Frau Warnecke stets mit gespitzten Ohren zuhörte, auch in Chemie, Geschichte, Geographie und Latein gerne etwas mitgenommen habe – bin ich in der Lage, Nährstoff- und Zusatzstofflisten und Etiketten allgemein ganz gut interpretieren zu können. Ich weiß halt gerne, was ich da so zu mir führe.
- Die berufliche Seite ist da noch etwas komplexer. Hier geht es nicht nur um meinen eigenen Genuss, und eventuell einen Schluck zuviel vom Falschen, sondern es geht hier um das Wohl und das Vergnügen meines werten und zahlenden Gastes (Kunden oder auch Patienten). Bin ich nun in der Lage ein Etikett zu lesen, dann habe ich einen GROßEN Vorteil, in diesem Falle kann ich dem Gast etwas zu dem Produkt erzählen, welches ihn/sie just anspricht, oder ich für diesen Gast als passend empfinde. Oberstes Ziel – mein Gast soll mit einem dankbaren Lächeln im Gesicht heim gehen und mit dem gleichen zufriedenen Lächeln möglichst oft über das Jahr verteilt wieder und wieder an meiner Bar Platz nehmen.
Anlass dieses Textes ist folgende Erkenntnis:
Nehmen wir an, ich nehme mir eine Woche Urlaub, hebe ca. 1000,-€ meines in mühseeliger Nachtarbeit verdienten und schmerzhaft zur Seite gelegten Geldes vom Konto ab, setze mich für viele Stunden in einen Zug, der hoffentlich pünktlich ist, wandere mit meinem Gepäck (für eine Woche) quer durch eine fremde Stadt auf der Suche nach einem für viel Geld gemieteten Fremdenzimmer… (Teilkakulation 1: 5 Urlaubstage, (Trinkgeldausfall kann nicht einberechnet werden), 150,-€ für die Deutsche Bahn, 150,-€ für ein Fremdenzimmer, Coffee togo und Mäcces blabla ^= ca. 1400,-€ am Tag der Anreise)
Ach ja – Ziel meiner kleinen Reise ist eine (irgendeine!!) Barschule. Denn ein engagierter Bartender hat ja schließlich mehr Zukunft.
Ich sitze nun vier Tage lang jeweils 8 Stunden auf der hellen Seite des Tages auf einem Stuhl und lausche aufmerksam den Informationen, die ich vom namhaften Barschulenbesitzer vorgesetzt bekomme, mache Notizen als würde ich Steno beherrschen, nippe gekonnt an den zu verkostenden Exempeln und bin mir höchst sicher, dass ich eine hervorragende Investition getätigt habe. Immerhin habe ich nach vier Tagen einen ganzen Collegblock vollgeschrieben, Destilliergeräte, Lagerverfahren skizziert, die Gläserzuordnung und französische Fachausdrücke in englisch und deutsch übersetzt…wow
Am Abend des vierten Tages nehme ich mir nun meinen mittlerweile zerfledderten Collegblock und übertrage alles, was ich noch lesen und entziffern kann, sorgsam auf kleine Karteikarten, damit ich für die morgige Prüfung noch richtig lecker pauken kann. Ich übertrage alles so, wie es per Beamer oder Flipchart zum Mitschreiben genannt wurde. Bei irish whiskey übertrage ich, dass zu pure pot still nur im copper pot gebrannter whiskey ist, dass Tyrconell das Rennpferd des Detilleriebesitzers ist, und dass peated whiskey ein getorfter Whiskey ist. OK – scotch whisky: single malt ist der Beste, weil er aus einem Malz gemacht wurde, und Johnny Walker wird aus den Resten der Single Malt Herstellung geblendet. Schottischer Whisky wird mit Torf geräuchert, und die Inselwhiskys werden mit dem salzhaltigen Flusswasser trinkbar gemacht… Jawoll – Brandy: Solera heißt Boden, im Soleraverfahren werden beliebig viele Schichten von Fässern aufgetürmt und von Reihe zu Reihe mit Röhrchen verbunden, sodass bei Entnahme von der Bodenreihe, von oben immer etwas nachläuft… Vodka hat heutzutage nur noch etwa 30 % Kartoffelanteil und wird teilweise über Diamanten oder Platin gefiltert – hochmodern…
Ach, bevor ich einschlafe noch schnell etwas zum Hendrick´s Gin: die trübe Maische wird mit dem Wasser der Salatgurke geklärt, die man auch nach der Destillation noch schmecken kann.
Letztlich schlafe ich auf meinen knapp 300 beschriebenen Karteikarten aus allen Bereichen der Bar ein und gehe am nächsten Morgen zu meiner Prüfung. Alles Easy – Zertifikat als Barkeeper in der Tasche und der Heimweg wird angetreten (Schlusskalkulation: 1400,-€ + 150,-€ für Biergarten und Mäcces, + 100,-€ für die Party danach ^=1650,-€)
Als ich dann wieder meinen Dienst in der Bar antrete, gerade mein mis en place bereite, setzt sich jemand an die Theke, der sagt, er wäre nur gerade in der Nähe gewesen und wollte mir mal etwas von einem ganz tollen Rye Vodka erzählen, der eigentlich ein Weizenvodka ist, aber durch getrocknetes Roggenbrot gefiltert wird und den Geschmack mitnimmt – ich stelle mir das mal kurz innerlich vor und bitte den Herrn höflich zur Tür hinaus – der hat ja keine Ahnung, Vodka wird doch aus Kartoffeln gemacht – Idiot!
Wissen ist Macht
Aber Wissen ohne Recherche ist nur Glauben!!!!
