Von Piraten, Drogenabhängigen und Vollidioten

Der Sommer 2003 war der heißeste, den ich bisher erlebt habe. In meiner schönen Dachbodenwohnung habe ich mich täglich nur eine Stunde aufgehalten – nämlich zum kalt Duschen. Gewohnt und geschlafen habe ich auf dem Balkon neben einer schattenspendenden Birke, in der manchmal ein bis zwei Kinder vom anliegenden Spielplatz bis zu meiner “Sommerresidenz” hinaufkletterten um mich beim Lernen zu nerven. Es war nicht nur der heißeste, sondern auch der intensivste Sommer meines Lebens…

Ich war Barchef einer 40 qm großen Havanna Bar am Marktplatz von Warendorf, schon Mittwochabends “quollen” meine Gäste aus den Fenstern und die Party ging ab. Wenn mein Dienst um 4 oder 5 Uhr endete düste ich mit meinem Renault 5 heim, bewohnte wie geschildert meine Wohnung für eine erfrischende Stunde, während mein morgendlicher 1 liter Eis Tee (nicht die Long Island Version ! ) zog und kühlte. Erfrischt und mit Eistee ausgestattet kuschelte ich mich nach der Arbeit auf meinen Balkon und lernte 2 Stunden für meine Ausbildung zum Handelsfachwirt.

Hard times, denn um 8.00 war Schule bis 15.00 Uhr… eine tägliche Stunde schweißgebadeten Schlafens musste bis zum jeweiligen “Schlafsonntag” ausreichen, denn mehr war einfach nicht drin.

“Du bist ein Vollidiot” sagte ein guter Freund mir grinsend an einem freien Baggerseenachmittag ins Gesicht. Wir hatten 1995  gemeinsam in einem Café zu Kellnern angefangen und somit unsere gastronomische Laufbahn begonnen. Er hatte es mittlerweile zum Geschäftsführer eines tollen Restaurants geschafft.  Wir waren 100% unterschiedlich, hingen aber trotzdem all die Jahre zusammen rum wie Brüder. Er schaffte alles ohne Ausbildungen und Abschlüsse nur mit seiner Art, und ich ging schon immer auf nummer sicher. Er lachte mich aus, als ich mit über 20 noch die Entscheidung zu einem Ausbildungsgehalt traf, währen er schon zum Restaurantleiter aufgestiegen war. Nun war ich auch endlich ein kleiner Barchef geworden und er lachte wieder über mich, dass ich meine ohnehin knappe Freizeit in diesem tollen Sommer mit Schule und Lernen verschwendete.

“Was willst Du??” war meine leicht verpennte Gegenfrage auf diesen Affront. Wieder ein fettes Grinsen in seinem Gesicht. Er hielt mir das Buch “Geständnisse eines Küchenchefs” von Anthony Bourdain unter die Nase. “Du bist ein Vollidiot, ich bin ein Drogenabhängiger und zusammen sind wir Piraten…” “Was geht bei dem? Zuviel Sonne?” ich war sichtlich verwirrt, zog wieder mein Cappy über meine müden Augen und schlief wieder ein.

Als ich schreckartig aufwachte, musste ich feststellen, dass ein MEGASonnenbrand meine Vorderseite überzog und es schmerzte. Mein Kumpel war weg, das schwarze Buch mit dem Koch drauf hatte er an meine Tasche gelegt.

Ich begann zu lesen und fand zum erstenmal eine perfekte Umschreibung meines erwählten Berufes – naja nicht die des Koches, sondern des Gastronomen als Berufung. Ohne meine Augen von diesem Buch abzuwenden las ich, bis die Badegäste den dunkel werdenden Strand verließen und machte mich auf den Heimweg. Zuhause, zurück auf meinem Balkon las ich unentwegt weiter, rauchte fast meine gesamte Schachtel Camel ohne Filter und stieß irgendwann in der Nacht auf die Antwort auf meine nachmittägliche Verwirrung: “Die Gastronomie ist ein Strand für Piraten, Drogenabhängige und Vollidioten…” (Anthony Bourdain). Die gewonnene Antwort breitete sich á la minute über meine gesamte Berufslaufbahn der vergangenen acht Jahre in Cafés, Restaurants, Hotel und Bars aus und verknüpfte alles miteinander. Dieser eine Satz hat mir einen kleinen Frieden gegeben, der bis heute anhält. Selbstverständlich gibt es immer mal jemanden, der halbwegs normalen Typus durch die Gastronomie gleitet, aber ich denke, dass gerade diese eigentlich negativen Eigenschaften es überhaupt zulassen, dass jemand diesen irren Beruf wählt, und andererseits der Gast sich wohl und behütet fühlen kann.

Leider erfuhr ich von der Restaurantbesitzerin, der Chefin meines Kumpels bei einem Spontanbesuch zwei Wochen später, dass mein Kollege, der zu der Fraktion der Drogenabhängigen zählte und täglich seine 15 Espressi, mindestens 5 Weizen, 10 Ramazzotti, zwei Schachteln Lucky Strike WÄHREND der Arbeit konsummierte, sich selbst in eine Psychiatrie eingewiesen hatte, weil er plötzlich Angst vor Menschen und Tieren bekam. Damals sagte man noch nicht “Burn out” dazu, aber meine Erinnerung an einen Besuch in seinem selbsterwählten neuen Zuhause zeigt mir noch heute seine Gesichtszüge, seine Körperhaltung und seine gelähmte Art zu sprechen, dass er nach acht Jahren am Strand der Gastronomie einfach ausgebrannt war. Er hat sich niewieder bei mir gemeldet.

Genuss mit Verantwortung – oberste Priorität…

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